Bochumer Versprechen – Hörstationen im Stadtraum

Was versprechen wir uns von Gebäuden und Institutionen, die wir ins Stadtbild pflanzen? Welche Erwartungen werden an sie geknüpft, warum ist auf jeden Fall an irgendeiner Stelle Waschbeton beteiligt, und wie schätzen wir ihr Potenzial vielleicht 60 Jahre später ein?

Almut Pape, Pascal Bovet und Klaas Werner haben über 100 Jahre Bochumer Geschichte durchforstet und sieben „Hörstationen zu der Selbsterzählung einer Stadt“ daraus gemacht. Die Tracks sind online verfügbar; viel charmanter ist es aber, sie mit Hilfe des Smartphones zu einem Audiowalk zu verbinden. Fünf Orte in der Innenstadt, außerdem die Ruhr-Universität im Süden und das Einkaufszentrum im Osten der Stadt – alle zur Zeit ihrer Eröffnung oder bis heute umstritten, ambivalent oder mittlerweile mit neuen Problemen belastet. Die Bochumer Versprechen verorten die Hörenden räumlich und zeitlich und geben sodann O-Töne beziehungsweise nach schriftlichen Vorlagen Selbsteingesprochenes aus Eröffnungsreden und Berichten von Eröffnungen wieder. Zwischen 1902 und 2013 liegen die Ereignisse, deren bauliche Konsequenz dem Bochumer Stadtraum bis in die Gegenwart präsent ist. Die eigene Geschichte klebt unsichtbar an den Gebäuden und das historische Audiomaterial macht ihren Wandel erfahrbar – was natürlich besonders für Bochumer*innen spannend ist, die ihre jeweilige aktuelle Problematik erleben. Einen Sprung aus dieser Anordnung und Bogen in die Zukunft schlägt das Musikzentrum, das sich 2015 noch im Bau befindet – als O-Ton gibt es Aufnahmen vom ersten Spatenstich 2013. Viele Bochumer Bürger*innen sehen das Projekt kritisch, zu verhindern ist es aber nicht mehr. Wie werden sie in 50 Jahren darüber denken? Wird das vergleichbar sein mit dem, was wir heute in eben jener Retrospektive über die Eröffnung des Betonkolosses Ruhr-Uni 1965 denken? Die Hörstationen sind wohltuend frei von intentionalem Geschubse und laden zur Spekulation in unterschiedlichste Richtungen ein.

Besonderen Spaß macht die Doppeldeutigkeit des Projekttitels – den Versprechen werden nicht nur gegeben, es wird sich auch versprochen, und in rein akustischer Form steht jedes sprachliche Stolpern exponiert da. Das stimmt mitunter schadenfroh, macht aber auch einen neuen analytischen Hörwinkel auf: Wie gut haben die Sprechenden offenbar geübt, und sagt das etwas über ihre damalige Wertschätzung der zu eröffnenden Institution? Wer agiert rhetorisch geschickt, und welche Vorurteile über Lokalpolitik im Ruhrgebiet lassen sich verifizieren? Auch hier ist die Arena der Spekulation eröffnet.

Das Anna-Kpok-Projekt lauscht in die Vergangenheit, betrachtet die Gegenwart und lässt neuronale Erzeugnisse die Horizonte möglicher Zukünfte streifen. Es lädt ein, die drei Ebenen mit den eigenen Schritten im Bochumer Heute zu vernetzen, die Instututionen im öffentlichen Raum mit anderen Augen und Ohren, ambivalenter und fragmentierter wahrzunehmen – gut geisteswissenschaftlich gesprochen, es macht ein Vielleicht…? auf und weist über ihre Einheitlichkeit und Geschlossenheit hinaus, ohne eine kritische Perspektive zu verbauen.