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Podiumsdiskussion „Best Practice Utopia: Es kann richtig gut werden“

„Practicing Utopia“

Ort: Zukunkftsakademie

Zeit: an einem grauen Novembernachmittag

In den Rollen:

Timo Köster als Kulturdezernent der Stadt Hagen und geleckter Anzugträger

Julia Wissert als ultrafeministische Intendantin in Bottrop

Azize Flittner als Bekämpferin des IS und des Patriarchats

Julia Nitschke als Tee schlürfende Videobotschafterin und Like-Button-Verfechterin

Annette Dabs als utopistische Email-Stimme, verlesen durch Azize Flittner

Oliver Kontny als eingeschüchterter weißer, männlicher, heterosexueller Moderator

So oder so ähnlich könnte das Skript zu der Podiumsdiskussion „Best Practice Utopia: Es kann richtig gut werden“ ausgesehen haben. Statt fader Diskussionen entschieden sich die Mitwirkenden für eine inszinierte Debatte, die humorvolle wie auch verstörende Momente für das Publikum lieferte.

Besprochen wurden vermeintlich bereits umgesetzte Utopien im Kulturbereich und von deren Vertreter_innen vorgestellt. So erklärte Julia Wissert, sie habe mit ihrer Intendanz zuerst alle Schauspieler_innen des Bottroper Theaters entlassen und durch Poc (People of colour) ersetzt. Jeder sei erwünscht, bloß nicht der weiße, männliche Heterosexuelle. Noch radikaler ging Azize Flittner vor in ihrer Forderung, Bochumer Frauen sollten verpflichtet werden, ein Jahr in den Krieg gegen den IS zu ziehen. Nach 5000 Jahren Patriarchat sei nun eben die Zeit der Frauen gekommen. Die beiden männlichen Rollen sahen angesichts dieser feministischer Härte ziemlich blaß aus.

Die vorgestellten Utopien regten zu spannenden Überlegungen bezüglich des Kulturbereiches an und zeigten die Problematiken eines teils festgefahrenen Systems auf. Jedoch wurde durch die Enttarnung am Ende der Veranstaltung, die Podiumsdiskussion sei eine inszenierte gewesen, der/die Zuschauer_in auch etwas fraglos zurückgelassen: Ist es wert, an Utopien zu glauben, an deren Umsetzung zu arbeiten, wenn sich alle Konzepte als Teil des Spiels erwiesen haben? Ein produktiver Einstieg in die Diskussion war durch deren durchstrukturierten Lecture-Performancecharakter kaum möglich, obwohl die Thematik dazu eingeladen hätte. Somit eröffnete die performative Podiumsdiskussion eher Anregungen zur Auseinandersetzung mit dem Konzept der Utopie als tatsächliche Vorschläge zur deren Umsetzung.