Rückblick ZeitZeug_ Überbleibsel

Die Legende vom toten Soldaten

Briefe aus dem Zweiten Weltkrieg, zufällig auf einem Dachboden in Wattenscheid wiedergefunden, bilden die Grundlage für Lina Kempchens Lesung Die Legende vom toten Soldaten.

Lina las in Auszügen aus dem Briefarchiv von einem deutschen Piloten, der während des Krieges bei einem Übungsflug ums Leben kam. Die Briefe zeigen, wie die Eltern des Soldaten mit seinem Tod umgingen. Sie schreiben in Briefen an Freunde und Bekannte, sie seien stolz, dass er im Dienst gefallen ist. Sein Tod sei ein notwendiges Opfer gewesen.

Dazwischen las Lina Auszüge aus Bertolt Brechts Kriegsfibel (1955). Dabei blieb vieles ungesagt und doch spürbar. Was bleibt von Trauer übrig, wenn Eltern glauben, ihr Sohn wäre einen ehrenhaften Tod gestorben?

Im Anschluss an die Lesung gab es viele Fragen und Kommentare zu dem Gehörten. Dabei schien tauchte im Publikum immer wieder eine zentrale Frage auf: Wie können wir heute wachsendem Patriotismus und dem Ruf nach Kriegstüchtigkeit begegnen?

Darkness

Inspiriert von der Geschichte einer iranischen Frau, die ihr Augenlicht durch Gummigeschosse verlor, führte Nooshin Seifi das ZeitZeug_Publikum im Musischen Zentrum in eine Extremsituation: Mit verbundenen Augen saß das Publikum in einem vollständig verdunkelten Raum und war einer lauten Soundinstallation ausgesetzt.

Die beruhigende Melodie einer Spieluhr verfloss im lauten Heulen von Sirenen. Flüsternde Stimmen mischten sich ins Ticken einer Uhr. Die akustisch arrangierte Albtraum-Landschaft reflektiert, was in einem verletzten, traumatisierten Körper zurückbleibt – einem jungen weiblichen Körper, der nichts mehr sieht.

Die Teilnehmenden waren eingeladen, ihre Eindrücke während der Soundinstallation mit Stift, Zettel und Klemmbrett ausgestattet (wenn auch völlig blind) zu verarbeiten. Nach dem Abnehmen der Augenbinden fanden sie sich in einem vollständig in rotes Licht getauchten Bühnenraum wieder; umgeben von durchsichtigen Wänden, an denen künstlerische und informative Texte zur politischen Situation im Iran, dem Einsatz von Gummigeschossen und den damit verbundenen Traumata hingen.

Mit Darkness hat Nooshin Seifi einen bleibenden Eindruck beim Publikum hinterlassen.

You with the sad eyes

In you with the sad eyes erlebte das Publikum eine radikale Hamlet-Bearbeitung, die sich mit  der Verarbeitung von Trauer, Worten über Verlust und den Abgründen der eigenen Wahrnehmung von Realität befasst.

Die Performance zentriert die starken Emotionen des trauernden Prinzen: Wut, Trauer, innere Leere und die Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit – jene Emotionen, deren Adressierung die Figuren, die ihn in Shakespeares Text umgeben, verfehlten. Der Tod des eigenen Vaters sitzt tief.

In der Inszenierung von Ilario Raschèr kämpft Schauspieler Max Kurth mit einer bühnengroßen Plastikplane, führt Gespräche mit einem Ritterhelm, identifiziert sich mit einem sinkenden Walkadaver und nimmt sein vor Erschöpfung pochendes Herz auf.

Das Rottstr. 5 Theater wurde Bühne für einen ergreifenden Monolog, in dem die Trauerarbeit Hamlets poetisch umgesetzt wurde.

Stories From Futures Past

Maria Huber und Jakob Boeckh (Teil der paranormal φeer group) brachten mit stories from futures past ihr experimentelles Objekttheater nach Bochum.

Jeweils ein:e Performer:in traf im Kortumhäuschen auf zwei Teilnehmende und lud diese zu einer Séance ein. Geführt durch den:die Performer:in trafen die Teilnehmenden auf ausrangierte technische Geräte – etwa einen Diaprojektor und einen Röhrenbildschirm – die von einer möglichen Zukunft heimgesucht wurden.

Durch eine energetische Verbindung miteinander sowie zu den Geräten beschworen die Teilnehmenden eine geisterhafte Projektion; Vorstellungen darüber, wie eine Zukunft aussehen könnte. Zwischen Spiritualität und Spiel kreierten die Teilnehmer:innen bei jedem Durchlauf jeweils eine eigene Performance, eine eigene Geschichte.

Die Geschichten wurden am Ende jeder Sitzung aufgenommen und leben nun auf einem Tonband weiter, hörbar für alle zukünftigen Besucher:innen von stories from futures past.

TT?! Ok. – Eine Ping Pong Séance

Zum Abschluss des Festivals ging es um Abwesenheit, um fragile Verbindungen, die übrig bleiben, wenn eigentlich nichts gesagt werden kann.

In seiner Ping-Pong-Séance reflektierte Lukas Huber über das Verhältnis zu seinem Vater, über die Distanz zwischen ihm und dem Publikum. In einem Kraken-Kostüm aus Hula-Hoop-Reifen und Plastik-Tentakeln beschrieb Lukas Huber seinen Vater als Oktopus: Oktopusse sind sehr intelligent; sie bewegen sich rückwärts fort, indem sie nach vorne Wasser ausstoßen; sie sind oft emotional abwesend und können nicht gut über ihre Gefühle reden.

Eine Verbindung finden Lukas und sein Vater beim Tischtennisspielen – Tischtennisplatten auf Spielplätzen und an Straßenecken werden zu den Orten, an denen sie sich unbefangen begegnen können. Zum Geburtstag schenkt sein Vater ihm eine Tischtennisplatte, für die in seinem Leben eigentlich gar kein Platz ist.

Lukas Huber baute auf der Bühne eine kleine Tischtennisplatte aus Pappe auf und spielte eine Partie gegen jemanden aus dem Publikum. Er verlor eindeutig.

Textile Erinnerungen an die DDR

Wie Geister aus vergangener Zeit schwebten Textilien durch die Ruer-Bude. Kleidungsstücke aus DDR-Zeiten erzählten persönliche Geschichten, Erinnerungen und politische Machthierarchien, hörbar gemacht durch Interviews mit Zeitzeug:innen, die sich durch kleine Lautsprecherboxen vernehmen ließen. 

Anno Melzers Rauminstallation Textile Erinnerungen an die DDR spricht alle Sinne an: Die durchscheinenden Stoffe sind handwerkliche Meisterwerke, die leicht wirken und durch ihre Geschichte schwer sind. Die Interviews gewähren Einblicke in individuelle Erlebnisse, während das Konzept es den Besucher:innen erlaubt, eigenständig im Raum zu wandern, zu schauen, zu hören, innezuhalten und zu spüren.

Besucher:innen jeden Alters erkundeten die Ausstellung: Kinder staunten über die schwebenden Kleidungsstücke, Erwachsene erinnerten sich an ihre DDR-Kindheit, andere entdeckten in ihrem Alltag Textilien, die den ausgestellten gleichen.

Die Installation ist ein Anhalten der Zeit: ein Nachdenken über Geschichtsträchtigkeit, über Praktikabilität und über die politischen Umbrüche, die die Kleidung erzählt.

Wörter aus einem untergegangenen Land

Ein leerstehendes Ladenlokal mit Worten, Gedanken und Gesprächen zu füllen- das hat Wörter aus einem untergegangenen Land  von Mahsa Esmaeili beim diesjährigen Zeitzeug_ geschafft.

Die fotografische Installation, die auf den ersten Blick schon durch eine ganz einzigartige Art der Farbigkeit auffiel,  griff Begriffe, die in der DDR verwendet wurden und heute beinahe vergessen sind, visuell auf.

Neben den abgebildeten Objektcollagen luden „Zeitzeugen der Geschichte“ in Form von originalen Gegenständen aus der DDR ein, näher zu kommen und ein zweites oder drittes Mal betrachtet zu werden. 

Begleitet wurden die Bilder von einem Heft voller Erklärungen zu den fotografisch interpretierten Worten. So lernte ein Bochumer Publikum Begriffe wie “Spargelbrett” und “Rotlichtbestrahlung” kennen.

So dachten wir nach über vergangene Generationen und über das, was bleibt von einem untergegangen Land.

“(die sache selbst ist anzuschauen), noch bevor sie Sinn macht”

Sich umgeben von Geschichten fühlen, die uns wie Kleidung einhüllen und sich nah an uns schmiegen — das konnten wir bei „die Sache selbst ist anzuschauen (noch bevor sie Sinn macht)“ von Napierski und Perera erleben.

Das Schaubüdchen wurde sowohl durch visuelle als auch akustische Elemente zu einem Ort, der einen in die bewegenden Geschichten der abgebildeten Kleidungsstücke und Menschen einsinken ließ und damit in die Frage,  was unsere Beziehung zur Kleidung ausmacht und was die Kleidungsstücke mit uns machen.

Auch nach dem Austreten aus ihrem Raum bleibt die Ausstellung im Kopf — als Frage danach, woher die Kleidung, die uns umgibt, kommt, wohin sie geht, welche Geschichten sie durch uns in sich trägt, welche schon in ihr stecken und welche nach uns noch auf sie warten.

Ghost of the Day

Insgesamt 41 Gemälde von verschiedenen Geistern wurden von Florian Genz während des ZeitZeug_Festivals sorgfältig versteckt. So spukten die Geister während der Installationen, Filme, Workshops und Performances stets im Hintergrund. 

Der Fotokünstler hat die Geister angelehnt an Bildkompositionen bekannter bildender Künstler:innen entwickelt. Wie Glitches verquicken die geisterhaften Erscheinungen klassische Motive mit techno-futuristischer Ästhetik.

Ausgehend von der Frage, wie viel datenförmige Reproduktionen und Bearbeitungen von Gemälden, die auf einem LED-Display angezeigt werden, noch mit dem tatsächlich gemalten Werk zu tun haben hat Florian für das Festival physische Manifestationen seiner digital erstellten Collagen geschaffen, auf denen die menschliche Geste –der Pinselstrich– sowohl visuell als auch haptisch nachzuvollziehen sind.

Können wir das, was verloren ging, in den Acrylbildern (wieder-)entdecken?

Pfefferpoly – Geh doch dahin wo der Pfeffer wächst

In See stechen und sich Häfen mit Pfeffer erkaufen – Das war die Aufgabe in Pfefferpoly – Geh doch dahin wo der Pfeffer wächst, dem spielerischen Workshop von Die Körner.

Das Blue Square wurde für einen Tag zur Stätte für Gewürze. Die Teilnehmenden konnten als angehende Abenteurer:innen an einem immersiven Reenactment von  Seefahrten teilnehmen, die so (oder so ähnlich) Ende des 15. Jahrhunderts stattgefunden haben. Ziel der Spieler:innen war es, jeweils am Ende des Spiels den meisten Pfeffer zu besitzen. Im rundenbasierten Verlauf war es möglich, von Mitspieler:innen zu klauen, weshalb von Anfang an Misstrauen untereinander bestand. 

Unter dem spielerischen Deckmantel bot der Workshop die Möglichkeit, sich mit kolonialer Ausbeutung auseinanderzusetzen und die mittlerweile selbstverständliche Nutzung von Pfeffer in der europäischen Küche zu hinterfragen. Im Nachgespräch wurden die gewonnen Erkenntnisse geteilt und verfestigt.

Diddl and Draw. MS Paint und die Highlights der Jahrtausendwende

Im Workshop Diddl and Draw schufen die Teilnehmenden eigene Kunstwerke.

Ob aus Nostalgie oder inspiriert von dem, was uns in dem Moment bewegte; in gemütlicher Atmosphäre wurden aus Ideen kleine Kunstwerke. Max Meyer brachte alle Teilnehmenden dazu, Microsoft Paint aus ganz neuer Perspektive zu erleben: als niedrigschwellige Einladung, Kunst machen zu können.

Wir wühlten in Diddl-Blättern, die nach Jahrzehnten noch dufteten und Erinnerungen hervorriefen. Wir sprachen über das, was diese Blätter für uns bedeuten und was die Zeitspanne bedeutet, die zwischen dem letzten Mal liegt, als wir sie in der Hand hielten.

Es waren genau diese Blätter, die zur Leinwand unserer kleinen Kunst wurden und wir warteten gespannt darauf, dass der Drucker uns zeigte, wie unsere Linien und die kleinen Diddl-Figuren miteinander zu kleinen Kunstwerken verschmolzen.

Kurzfilme

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