„Book Shelf Human Body Cyborg Labyrinth“

Ich suche das Phantom Cyborg und zwar in der Stadtbücherei Bochum. Erstmal heißt es: „Tasche und Mantel ablegen. Haben Sie irgendwelche Gegenstände dabei mit denen Sie Andere gefährden könnten?“ Ich bekomme eine Identifikationsnummer: C00005. Der Herr im weißen Kittel vom Eingang bittet mich, zur ersten Station zu gehen, betitelt mit Ziffern, nummerisch aufsteigend. Dort werde ich vom Schild aufgefordert, innezuhalten und meine Umgebung warzunehmen. Spärlich ausgeleuchtet in klinischem Grünton türmen sich Bücherregale auf beigem PCV-Boden, dazu einige Menschen mit Klemmbrettchen in weißen Kitteln, die wichtig geschäftig umherlaufen: Das partizipative Book Shelf Human Body Cyborg Labyrinth. Wo sind sie, die Cyborgs?

Man geleitet mich zur Rezeption, wo mir einer der Kittelträger Fragen zur allgemeinen Gesundheit stellt und Notizen auf sein Klemmbrett macht. Name, Alter, Größe, Gewicht, Erkrankungen… Dann werde ich zur Ärztin in ein dunkles Hinterzimmer gebracht. Sie misst meine Arme und Beine und fragt: „Sind das deine Lieblingsschuhe?“ Während ich wieder an der Rezeption warte, spüre ich ein Tippen auf meiner Schulter. Hinter mir flüstert eine junge rehäugige Kittelträgerin: „Komm mit!“ Sie zieht sich ein Pick Up am Automaten. „Wie wars? Was hat sie gesagt?… Na, die Ärztin“. Dann drückt sie mir einen weißen Maler-Overall in die Hand und steckt mich in den Aufzug. 9,4 Sekunden habe ich Zeit mir diesen im Aufzug überzustreifen. Meine anfängliche Verwirrung wird größer; statt mich an die Situation zu gewöhnen scheint mir meine Souveränität mehr und mehr zu entgleiten, ich agiere nur noch auf Ansagen und vor allem warte ich. Vor Aufzügen, an Treppen, vor Leinwänden. Ich warte darauf, auf weitere Anweisungen der Kittelträger: Hier kurz stehen bleiben, dieses Aufgabenblatt ausfüllen, dort Termin beim Philosophen. Dabei sind alle immer freundlich, erkundigen sich nach meinem Wohlbefinden und lächeln viel. Was passiert mit mir?

Cyborgs ist ein Akronym aus ‚cybernetic organism‘ und meint Menschen, deren Körper durch permanente technische Bestandteile erweitert wurden. Prothesen, Ohrimplantate, Herzschrittmacher, etc. – im medizinischen Sinne. Da technische Errungenschaften, wie Smartphones oder MP3-Player, aus unseren Leben gar nicht mehr wegzudenken sind und wir sie meist am Leib tragen, stellt sich auch die Frage: Sind wir nicht alle schon ein bisschen Cyborg?

Hier im Book Shelf Human Body Cyborg Labyrinth wird vor allem klar, in welche Abhängigkeit sich der Mensch gegenüber technischen Geräten begeben hat. Während ich durch die Gänge des Büchregal-Labyrinths irre, bin ich weit weg vom autonom denkenden und handelnden Individuum, fühle mich machtlos und dem ominösen Forscherteam ausgeliefert. Sie bestimmen mein Tun, steuern meine Schritte und scheinen mit ihren beständig fürsorglichen Nachfragen mehr zu wissen als ich. Dass die stillen Bücherregale als antiquierte Opposition zur modernen Technik stehen und die ehemals (?) kollektive Quelle menschlichen Wissens repräsentieren, ist dabei umso passender. Das partizipative Labyrinth konfrontiert die Teilnehmer_innen mit einem Raum, der Auseinandersetzungen über die Thematik ‚Mensch und Technik‘ zulässt und am eigenen Körper erfahrbar macht.

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